• Amadeus & Alex

Kommentar – München: Auch in Zukunft mit Genuss!

Liebe Leser/innen*,

seit gut drei Monaten dominiert das Corona-Virus unseren Alltag. Und so dynamisch wie Covid-19 selbst ist, ändern sich auch fortlaufend die Umstände. Daher ist dies auch bereits die 3. Version unseres abschließenden Kommentars zu unserer Interview-Serie. Nach diesem ereignisreichen Vierteljahr muss man mit Erschrecken feststellen, dass das Land der Dichter und Denker nicht nur sein kulturelles Leben, sondern auch seine kulinarische Kultur aufs Spiel setzt.



Kurzarbeitsregelungen, Rettungsprogramme für Autohersteller & Co., gigantische Industrie-Kredite – die Milliarden fließen plötzlich in Strömen. Doch was ist mit unserer Unterhaltungsindustrie? Mit unserer vielgerühmten Gastlichkeit? Was wären wir Menschen denn ohne unsere Kultur? Ohne Kino, Theater, Oper, Musik, Impro-Shows, Kabarett, Nachrichten, Sport oder Literatur? Was wären wir ohne Wirtshaus, Restaurant, Boazn, Kneipe, Bar, Disco oder Club? Es wäre eine recht fade Welt.


Sind es nicht gerade die Millionen an Kreativen, Straßenkünstlern, Musikern, Schauspielern, Schreiberlingen, Freiberuflern, DJs, Wirten, Köchen und viele weitere, die tagtäglich dafür sorgen, dass wir unser Leben lieben und genussvoll leben? Doch wo ist ihre Perspektive?


Jetzt in der Not stehen sie mitten in einem Überlebenskampf, der den ein oder anderen plötzlich zum Hartz IV-Kunden werden lässt. Produzieren wir hier vielleicht gerade eine neue Welle an langfristigen Sozialhilfefällen? Immerhin macht die Branche inzwischen auf sich aufmerksam. Sogar Kulturmanager Till Hofmann vom Lustspielhaus wird öffentlich besonders positiv erwähnt von der bayerischen Landesregierung, wenn es um das Thema Kulturberatung geht.


Man kann ja geteilter Meinung sein, ob der Fußball jetzt schon unbedingt wieder rollen musste oder nicht. Eines hat die DFL aber allen Branchen gezeigt: Wenn die Politik nicht in der Lage ist, Konzepte zu entwerfen, dann muss man selber anpacken und Fakten schaffen, Wege aufzeigen und einen entsprechenden Druck erzeugen.


Doch zurück zur Gastronomie und Hotellerie mit ihren zahlreichen Beschäftigten. Dagegen ist die sich im Wandel befindliche Autobranche am Schrumpfen. Auf der einen Seite stehen 830.000 Arbeiter bei den Autokonzernen sowie nochmals 300.000 aus dem Lohnzettel der Zulieferer, also bundesweit insgesamt etwa 1,1 Millionen. Im Gastgewerbe mit seinen über 220.000 Unternehmen sind hingegen knapp 2,5 Millionen Menschen beschäftigt. Ohne Zulieferer und Produzenten. Natürlich profitieren hier viele auch von der Kurzarbeit, nur überleben lässt es sich damit nicht in Städten wie Hamburg oder München.


Auch die weiteren Hilfsangebote sind nicht wirklich richtig zukunftsträchtig. Denn eine Zukunft auf noch mehr Krediten gebaut ist ein Luftschloss, das schneller platzen kann als mancher glaubt. Die Folge: weitere Hartz-IV-Fälle. Da schuften Menschen ein Leben lang, weil sie die Gastronomie als ihre Profession sehen und anderen Menschen damit eine Freude machen, und dann sollen sie ohne ihr eigenes Verschulden noch mehr Risiko übernehmen? Genau dies sind aber die Momente im Leben, wo die Politik gefragt ist.


Wo sind die Visionen? Wo sind die konstruktiven Ideen?


Sicher ist: Wir brauchen keinen bayerischen Wirtschaftsminister, der im Wirtshaus herumposaunt „Wir retten die Wirtshauskultur“ und dann in der Krise das Gastgewerbe alleine lässt, wie z.B. im Kampf gegen die zahlungsunwilligen Versicherungen. Alleine sein Vergleich diesbezüglich mit dem „Brathendl auf dem Tisch“ in Sachen Entschädigung ist eine Frechheit gegenüber den schwer getroffenen Wirten und Hoteliers. Vielleicht sollte man dem Herrn Minister beim nächsten Wirtshausbesuch erst einmal selbst sein Hendl fangen lassen.


Die Vielfalt und Vielzahl an gastronomischen Betrieben ist auch eine der Schwächen der Branche – im Gegensatz zur Autoindustrie mit wenigen Playern und seit jeher erfolgreicher Lobbyarbeit. Denn es gilt hier die Würstlbude an der Ecke mit dem Luxushotel unter einem Dach zu vereinen.


Zugegeben, die Senkung der Mehrwertsteuer bei Speisen auf 7 % war ein erster richtiger Schritt, mehr aber nicht. Die Ausführung – Beginn Juli 2020 (Gastro-Öffnung Mitte Mai 2020), befristet auf ein Jahr – hingegen ist stümperhaft. Warum nur auf Speisen? Warum verzichtet eine Stadt wie München nicht einfach mal für ein Jahr auf die Gebühren für die Freischankflächen? Wo sind die Ideen von Seiten der Stadt München? Wie lässt sich womöglich die starke Reglementierung und Bürokratisierung in Bezug auf die Gastronomie zurückschrauben?


Apropos Freischankflächen, auch hier zeigt sich die Dynamik der Geschehnisse. Was zuerst angeblich nicht geht, funktioniert plötzlich doch. Oh Wunder! Bei der Stadtratssitzung am 13. Mai 2020 wurde die ursprünglich bereits ins Spiel gebrachte Idee, die Freischankflächen auszuweiten, nun doch beschlossen. Außerdem wurde ein Erlass bzw. eine Erstattung der Gebühren aufgrund der coronabedingten Betriebseinschränkungen erörtert.


Nun liegt der Ball also beim Kreisverwaltungsreferat. Mal schauen, was in den nächsten Wochen passiert. Zugleich wäre nun auch der Zeitpunkt gekommen, die Bürokratie kräftig abzubauen. Denn dies würde sicherlich auch Kosten sparen und der Gastronomie einen kräftigen Schub geben.


Zumindest für die Speisegastronomie ist also ein Lichtstreif am Horizont zu sehen. Bei Bars, Clubs und Konzert-Locations sieht‘s dagegen weiterhin zappenduster aus. Damit wären wir auch schon bei der Kultur. Natürlich gibt es auch hier zahlreiche Rettungsmaßnahmen. Aber reichen die wirklich aus? Wo sind hier die Perspektiven? Lauscht man verantwortlichen Politikern wie Herrn Lauterbach & Co., dann müssen wir lernen, mit Corona zu leben in den nächsten 1 bis 2 Jahren. Also muss auch eine tragfähige Idee für diese Zeit entwickelt werden.


Momentan sieht‘s so aus, als ob die Macher mit nur 30 bis 40 Prozent Auslastung in den Kulturbetrieben rechnen können. Gilt ja ebenso für das Gastgewerbe. Alles klar, dass hieße also in der Realität: Verzweifelt Kosten zu sparen und trotzdem fleißig Defizite einfahren. Willkommen beim unternehmerischen Selbstmord!


Und hier kommen wir zu einem Punkt, den noch kein Politiker bisher angesprochen hat: Inwiefern ist Deutschland gerüstet, um 1 bis 2 Jahre mit diesem Virus zu leben, bis endlich selbst für die Risikogruppen ausreichend Schutz vorhanden ist?


Zum Schluss noch ein weiterer Gedanke: Vielleicht sollten wir als Gesellschaft lernen, uns auch mit Themen auseinanderzusetzen, die auf den ersten Blick wie ein „No Go“ erscheinen. Beschäftigt man sich aber ernsthaft damit und spielt alle Eventualitäten durch, dann entwickelt sich daraus vielleicht ein anderer Diskurs sowie eine komplett neue Sichtweise auf die Problematik.


Jetzt und heute müssen wir uns bereits auf die nächste Pandemie, Weltkrise oder was auch immer vorbereiten. Frei von politischen Zwängen, mit Konzepten und Ideen, die der ganzen Welt, den Ländern, Städten, Dörfern, ja allen Menschen, ganz gleich in welcher Branche sie tätig sind, helfen. Denn wer weiß, ob wir es uns noch einmal leisten können, die Welt zum Stillstand zu bringen.


Wir glauben fest an eine positive Zukunft. Aber wenn wir aus dieser Krise nichts lernen, wann dann?


Euer Barguide-München-Team.


PS: Trotz dieser Notlage ist es umso faszinierender, wie kreativ die Gastronomie und die Kultur auf die Krise teilweise reagiert haben. Dies war für uns auch der Grund, die Serien „München: Kreativ in der Not“ und "München: Auch in Zukunft mit Genuss – Im Gespräch" zu starten.

Gleichzeitig geht ebenso von unserer Seite ein großes Dankeschön an all die Menschen, die bis dato über Spenden, Crowdfunding oder sonstige Aktionen Kneipen, Restaurants, Clubs, Bars und auch Künstler unterstützt haben.


*Kommentar zur aktuellen Situation der Gastronomie aufgrund der Covid-19-Pandemie.

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​© 2020 Amadeus Danesitz/Alexander Wulkow. Erstellt mit Wix.com.